Wenn Helfen Kreise zieht
Logistikschule der Bundeswehr lebt Kameradschaft und Verantwortung
Krankheit. Tod. Gewalt. Armut. Schlagzeilen, die wir täglich sehen – und oft genauso schnell wieder verdrängen. Doch es gibt auch andere Geschichten. Geschichten von Menschen, die nicht wegsehen. Die handeln. Leise, aber wirkungsvoll. Manchmal beginnt alles mit einer einzigen Entscheidung. Und manchmal wird daraus etwas, das doppelt hilft.
An der Logistikschule der Bundeswehr in Garlstedt gehören Begriffe wie Kameradschaft und Verantwortung zum Selbstverständnis. Doch was sie wirklich bedeuten, zeigt sich nicht in Worten – sondern im Handeln. S. hat genau das getan. Der Hauptfeldwebel aus dem Bereich Zentrale Unterstützung an der Logistikschule der Bundeswehr hatte eine Idee. Keine Große, keine Spektakuläre. Sondern eine, die funktioniert: Plasma spenden. Menschen mobilisieren. Und dabei gleichzeitig etwas zurückgeben. Was daraus wurde, ist mehr als eine Zahl – aber die Zahlen sprechen für sich: Über 100 Plasmaspenden. 1.000 Euro für die „Aktion Sorgenkinder in Bundeswehrfamilien des BwSW“. Und eine Geschichte, die zeigt, wie aus einer Idee Bewegung wird.
Der Anfang? Ein Gespräch unter Kameraden. Stabsgefreiter S. aus dem Stabsquartier kennt den Weg ins Spendenzentrum gut. Mehr als 100-mal hat er bereits Plasma gespendet. Für ihn Routine – für viele andere ein Schritt, den sie erst noch gehen müssen. Denn Blutplasma wirkt unscheinbar. Gelblich, fast durchsichtig. Und doch steckt in ihm, was Leben möglich macht. Über 90 Prozent bestehen aus Wasser. Entscheidend sind die übrigen Bestandteile: Eiweiße, Nährstoffe, Hormone, Mineralien. Vor allem die Eiweiße übernehmen Aufgaben, die kein anderes System im Körper ersetzen kann – sie stoppen Blutungen, stabilisieren den Kreislauf, helfen bei der Abwehr von Krankheiten. Fehlen sie, wird es kritisch. Plasma wird gebraucht – bei Unfällen, Operationen, chronischen Erkrankungen. Und für Medikamente, die ohne diesen Rohstoff nicht existieren würden. Das Problem: Es gibt zu wenig davon. Während der Bedarf an bestimmten Medikamenten massiv steigt, wächst die Zahl der Spender kaum. Die Lücke wird größer – und mit ihr der Druck auf ein System, das auf Freiwilligkeit basiert. Wie groß diese Lücke ist, zeigt ein einzelnes Beispiel: Rund 1.200 Plasmaspenden pro Jahr benötigt ein Hämophiliepatient – ein Mensch, dessen Blut nicht richtig gerinnt. 1.200 Spenden für ein Leben.
Was viele nicht wissen: Helfen ist hier kein einmaliger Moment. Jede Spende wird zunächst geprüft – und zurückgehalten. Also zusätzlich zu der ersten Blutkontrolle. Erst wenn ein Spender ein zweites Mal Blutplasma spendet und alle Untersuchungen unauffällig sind, wird das Plasma freigegeben. Erst dann kann es Leben retten. Genau hier entsteht Verantwortung. Und genau hier setzte Hauptfeldwebel S. an. Als er vom Gruppensystem bei CSL Plasma (Commonwealth Serum Laboratories) erfuhr, erkannte er die Chance: Menschen zusammenbringen, Motivation schaffen, Verbindlichkeit erzeugen. Sein Ansatz war einfach – und wirkungsvoll: Eine Gruppe gründen. Gemeinsam spenden. Und jeden Schritt nutzen, um noch mehr zu erreichen. „100 Spenden bringen 500 Euro für den Gruppengründer. Neue Spender, die zweimal kommen, zusätzlich 50 Euro“, erklärt er. Für ihn war sofort klar: Dieses Geld bleibt nicht bei ihm.
Die Entscheidung fiel auf die „Aktion Sorgenkinder in Bundeswehrfamilien des BwSW“. Eine Initiative, die genau dann unterstützt, wenn Familien an ihre Grenzen kommen. „Wir helfen u.a. Kindern aus Bundeswehrfamilien, die in Not geraten sind“, sagt Oberstleutnant a.D. Lutz Arnoldt vom Bundeswehr-Sozialwerk (BwSW) und ehemaliger Angehöriger der Logistikschule. Er bedankt sich aufrichtig und herzlich nicht nur im Namen des Bundeswehr Sozialwerks. Was das für die „Sorgenkinder“, von denen es auch welche in der Logistikschule gäbe, bedeutet, lässt sich nicht in Zahlen messen. Es sind die kleinen Dinge: Eine Pause vom Ausnahmezustand. Zeit zum Durchatmen. Ein Moment, in dem Sorgen nicht alles bestimmen. Spenden ändern keine Diagnosen. Sie nehmen kein Leid. Aber sie verändern Perspektiven. Und manchmal reicht genau das, um weiterzumachen.

Für Hauptfeldwebel S. steht eines im Mittelpunkt: nicht er selbst. „Unsere Bereitschaft zu helfen unterscheidet uns von anderen. Es geht nicht darum, dass mein Name irgendwo steht“, sagt er. „Es geht darum, dass geholfen wird.“ Seine Idee ist übertragbar. Einfach sogar. Plasma kann bis zu 60-mal im Jahr gespendet werden. Zwei Tage Pause zwischen den Terminen genügen. S. hat in acht Monaten bereits 47-mal gespendet. Eine Regelmäßigkeit, die Möglichkeiten schafft. Warum also nicht gemeinsam? „Ganze Trainings oder Bereiche könnten eigene Gruppen bilden“, erklärt S. „100 Spenden sind schneller erreicht, als man denkt. Was dann mit den 500 Euro passiert, entscheidet jede Gruppe selbst.“
Für ihn war es nie eine offene Frage. „Ein Kamerad erzählte mir von seinem Ziehkind, das dringend auf Plasmaspenden angewiesen ist. Sowas geht mir einfach nahe. Da muss ich helfen“, erklärt der leidenschaftliche Spender, der auch zum Blutspenden geht und als Organspender registriert ist.
Und dann passiert etwas Entscheidendes:
Aus einer Spende wird eine zweite.
Aus Einzelnen wird eine Gruppe.'
Aus einer Idee wird Wirkung.
Und irgendwo beginnt etwas, das man nicht messen kann: Hoffnung.
Text: Nadine Jochens
