„Nachgefragt…“ bei Anton Höffken
Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert
Als wir – der Fotograf und ich – zum Interviewtermin mit Anton Höffken die Treppe heraufkommen und den langen Gang zu seinem Büro einbiegen, erwartet er uns bereits persönlich, wie ein zuvorkommender Gastgeber, vor seiner Bürotür. Entsprechend vertraut fällt die Begrüßung aus, obwohl wir uns gerade das erste Mal persönlich kennenlernen. Ich ahne, dies wird eine bemerkenswerte Begegnung werden.
Doch zunächst zu den Fakten. Anton Höffken wurde über drei Monate zu früh geboren. Infolgedessen hat er auf dem linken Auge eine Sehkraft von nur 5 Prozent und auf dem rechten zwischen 10 bis 20 Prozent. Das Bundeswehr-Sozialwerk hat ihn deshalb 2022, während seiner Laufbahnausbildung zum Regierungsinspektor, bei der Anschaffung eines mobilen (Vor-)Lesegeräts finanziell unterstützt.
Die sogenannte OrCam MyEye ist ein hochentwickeltes, per Magnet am Brillenbügel fixierbares Instrument. Erfunden haben dieses KI-basierte Mini-Gerät die beiden Israelis Amnon Shashua und Ziv Aviram, die auch Mobileye gegründet haben, ein weltweit führendes Unternehmen für Fahrassistenzsysteme und autonomes Fahren. Diese Systeme erkennen in der Schnelligkeit eines Wimpernschlags, ob das Fahrzeug bremsen muss.
Es lag also nahe, die Technologie auch in der OrCam MyEye umzusetzen und für Menschen mit einer starken Sehdegeneration oder Blindheit im Alltag nutzbar zu machen. In Sekundenbruchteilen reagiert das System auf manuelle Bedienung, Gestik und Sprache und hilft bei der Erfassung von Texten oder dem Erkennen von Hindernissen, Gesichtern, Farben und Produkten. Die Datenverarbeitung erfolgt offline nahezu in Echtzeit, sodass der Schutz dieser Daten gewährleistet und die Verarbeitungszeit fast verzögerungsfrei ist.
So fantastisch das klingt – schließlich arbeitet das Gerät in vielen Situationen punktgenau, dass sowohl der Nutzer als auch das Umfeld die Beeinträchtigung kaum wahrnehmen – so gewöhnungsbedürftig ist es dennoch. Anton Höffken, der nach mittlerweile vier Jahren schon viel Erfahrung im Umgang mit der Kamera gesammelt hat, wägt den Einsatz dieses Hilfsmittels darum bewusst ab. In Stresssituationen empfindet er die Technik eher als hinderlich und vertraut dann lieber auf seine hervorragende, auditive Wahrnehmung. Beispielsweise hat er es vorgezogen, in den Klausuren während seines Dualen Studiums zum Bachelor of Laws den Nachteilausgleich durch 50-prozentige Verlängerung der Arbeitszeit wahrzunehmen, anstatt sich auf die Technik zu verlassen. Denn unter Druck unterlaufen einem eher mal Bedienungsfehler, die dann eine Kette an Hinderlichkeiten auslösen können und in der jeweiligen Situation womöglich für zusätzliche Verunsicherung sorgen.
Im Alltag jedoch weiß er dieses Hilfsmittel aus zahlreichen Gründen sehr zu schätzen. Das fängt bei ganz praktischen Dingen, wie dem erweiterten Blickfeld an. Durch das Gerät nimmt er Stufen, Türen, Barrieren viel früher und deutlicher wahr als ohne. Beim Einkaufen kann er sich die Texte auf den Banderolen von Lebensmitteln vorlesen lassen. Für ihn als Bahnfahrer ist es beim Lesen der Fahrpläne besonders praktisch … es sind die vielen kleinen alltäglichen Funktionen, in denen er nicht auf fremde Hilfe angewiesen ist und dadurch ein selbstständiges Leben führen kann.
Aber nicht nur das. Im weiteren Sinne unterstützt so ein Gerät auch die Eigenständigkeit – also die Fähigkeit, die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen und ein Gefühl der inneren Freiheit zu erleben. Das ist Anton Höffken ganz besonders wichtig. An seinem Rollstuhl beispielsweise fehlen die Haltegriffe, damit niemand auf die Idee kommt, ihn zu schieben. Befindet er sich an nicht behindertengerechten Orten, benutzt er Krücken, um aufgrund seiner Beeinträchtigung keine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und unabhängig von fremder Hilfe zu sein.
Wir fangen an, zu diskutieren. Ich argumentiere, die von anderen angebotene Hilfe ist doch eher das Zeichen eines guten, sozialen Miteinanders und kaum das Bestreben, ihn mit seiner individuellen Beeinträchtigung unfreiwillig in den Fokus zu rücken. Vielmehr sei es auch ein ganz normaler Akt der Höflichkeit.
Was den letzten Punkt betrifft, stimmt Anton Höffken durchaus zu. Dennoch – viel zu oft muss er sich erklären, sich gedankenlos daher gesagte Sprüche anhören, takt- und respektloses Verhalten ertragen. Und dann spricht er einen bemerkenswerten Satz aus: Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.
Gemeint sind damit die Barrieren, die Menschen erst „behindert machen“. Das können physische Barrieren wie Treppen, fehlende Rampen und Aufzüge oder mentale Hürden im Umfeld wie Vorurteile, Ignoranz und Mitleid statt Respekt sein. Es ist ein Statement. Nicht das Individuum allein muss sich ändern, sondern wir alle, die Gesellschaft. Und dann kommt noch so ein starker Satz, der nachhaltig hängenbleibt – aus dem einfachen Grund, dass er in seiner Logik stimmt: Dinge, die man ändern kann, sollte man auch ändern.
Im Laufe des Gesprächs wird immer deutlicher, Anton Höffken reflektiert sehr genau. Nur wenn man analysiert, weiß man, wo sich der Hebel zur Veränderung befindet. Das gilt im Allgemeinen wie im Persönlichen. Jeder von uns ist Teil der Gesellschaft und kann zu positiver Veränderung beitragen. Es ist ein weitläufiges und überaus interessantes Thema, mit dem Anton Höffken sich intensiv auseinandersetzt. Er überlegt sogar, ein Buch darüber zu schreiben. Setzt er das in die Tat um, wird es garantiert sehr lesenswert sein.
Das Buch ist aber nicht sein einziges Vorhaben. Er und seine Cousine reisen gerne gemeinsam, und so sind bereits die nächsten Unternehmungen nach London und Rom im Visier. Außerdem mag er Musik verschiedener Stilrichtungen, besucht regelmäßig Kunstmuseen, hat ein Faible für Militärgeschichte und Antiquitäten. An der Pinnwand über seinem Schreibtisch hängt u.a. das Programmheft der Oper, „Norma“ von Vincenzo Bellini, die er vergangenes Jahr in Wien besucht hat, neben der Visitenkarte eines Herrenschneiders. Dass er ein Faible für gute Kleidung und ganz allgemein einen guten Geschmack hat, ist nicht zu übersehen. Diese Pinnwand ist ein kleiner Kosmos seiner vielseitigen Interessen.
Als nach fast zwei Stunden das Interview beendet ist, begleitet Anton Höffken uns noch bis zum Ausgang. Obwohl er im Rollstuhl fährt, öffnet er uns die Türen ganz problemlos per Knopfdruck, nicht wir halten ihm die Tür auf. Ich denke an unsere Diskussion zurück und daran, welche kleinen Gesten und Momente im Alltag den Unterschied machen können – für jeden von uns.
Text: Sabine Krämer



