„Leinen los!"

04. September 2026 Reiseberichte & Leserbriefe Bereich Nord

Über die Ostsee mit der „Amphitrite“

Ein Reisebericht von Andreas Calaminus

Auch diesen Sommer hieß es auf der Amphitrite wieder: „Leinen los!" Als bunt gemischte Truppe aus 11 Jugendlichen, 8 jungen Erwachsenen und 3 Betreuenden machten wir uns von Wismar aus auf den Weg, um gemeinsam die Ostsee zu erobern.

Schon kurz nach der Anreise und dem Beziehen der Kojen ging es für die frisch gebackene Crew direkt ans Eingemachte. Auf die herzliche Begrüßung durch den Kapitän folgte die obligatorische Sicherheitseinweisung an Bord, bevor die Steuerleute übernahmen und mit der ersten Segelausbildung begannen.

Die erste Aufgabe: das erste „Reff" in die Segel einzubinden, um diese für den nächsten Tag vorzubereiten. Gar nicht so leicht, uns in dem Wirrwarr aus Leinen und Tauwerk auf Anhieb zurechtzufinden – doch unter der fachkundigen Anleitung unserer Steuerleute meisterten wir das schnell. Danach ließen wir den ersten Abend entspannt an Deck und in der Messe ausklingen, um uns in Ruhe kennenzulernen.

Am zweiten Tag wurde es ernst: Nach den letzten Vorbereitungen schallte das Kommando „Klar vorn und achtern, Leinen los!" übers Deck, und unsere Reise begann. Wind und Wetter zeigten sich in diesem Jahr von all ihren Seiten und waren mal mehr, mal weniger gnädig. So führte uns unser Kurs von Wismar aus zum Ankerplatz vor Fehmarn, nach Neustadt in Holstein, in einem großen Schlag durch die Nacht durch den Fehmarnbelt Richtung Norden vor die dänische Küste in die Marstal-Bucht, weiter nach Flensburg und schließlich in unseren Zielhafen Eckernförde. So manche Sturmböe, der ein oder andere Regenschauer und auch Fahrten durch die Nacht durften dabei natürlich nicht fehlen.

Damit auf See alles rund lief, wurde die ganze Crew in drei Wachen eingeteilt, die sich regelmäßig mit unterschiedlichen Aufgaben an Bord abwechselten. Während die eine Wache fuhr, konnte die andere ihre Freizeit genießen.

Dabei zählten zu den wichtigsten Aufgaben der „Fahrwache“ neben vielen anderen, der Ausguck, das Rudergehen, das Trimmen der Segel sowie das stündliche Dokumentieren des Wetterberichts und das Eintragen unseres Kurses in die Seekarten. Und die freie Wache konnte einfach nur entspannen? Grundsätzlich schon – es sei denn, es schallte das Kommando „All Hands" übers Schiff. Dann hieß es für jeden: Alle Mann an Deck und gemeinsam anpacken!

Trotzdem kam die Erholung zwischen den Wachen und den „All Hands"-Manövern nie zu kurz. Wer tiefer in die traditionelle Seemannschaft eintauchen wollte, fand bei unseren Steuerleuten immer ein offenes Ohr. Ob Sonnenbaden und Lesen an Deck, Seele-Baumeln-Lassen im Klüvernetz ganz vorne am Bug oder Klettern in den Wanten für den besten Ausblick – für jeden von uns war etwas dabei. Lagen wir vor Anker, sorgte ein Sprung von der Reling direkt in die kühle Ostsee für die perfekte Erfrischung. Wer es musikalisch mochte, griff zur Bordgitarre und den Liederbüchern und bildete spontan einen kleinen Shanty-Chor.

Auch unter Deck in der Messe wurde es nie langweilig: Wir spielten Gesellschaftsspiele wie „Werwölfe", bemalten T-Shirts oder spleißten fleißig Leinen. Bei den Hafenstopps ließen wir es uns natürlich nicht nehmen, bei einem Landgang die Küstenstädte zu erkunden.

Für das leibliche Wohl war ebenfalls bestens gesorgt: Unser Smut Olaf zauberte zusammen mit seinen täglich wechselnden Backschaftern fantastische Mahlzeiten auf den Tisch, sodass niemand hungern musste. Besondere Highlights waren dabei auch dieses Jahr wieder der traditionelle Seemannssonntag und das festliche Kapitänsdinner am letzten Abend.

Das ganz besondere Flair unserer Reise verdankten wir natürlich auch unserem Schiff: unserer alten Dame, der Amphitrite. Wer konnte schon von sich behaupten, auf einem 139 Jahre alten Traditions-Holzschiff über die Meere gesegelt zu sein?

Wie jedes Jahr vergingen für uns die elf Tage auf See viel zu schnell, und so hieß es am Ende erneut, voneinander Abschied zu nehmen. In nur elf Tagen waren aus Landratten echte Seeleute geworden, und aus einer zusammengewürfelten Reisegruppe wurde eine eingespielte Crew. Für die meisten von uns stand schon jetzt fest: Das war garantiert nicht das letzte Mal auf der Amphitrite – die Vorfreude auf das nächste Jahr war schon jetzt groß, und die Anmeldungen standen in den Startlöchern.