„Ihr seid einfach die Coolsten heute!“

13. August 2026 Bereich Nord Bereich Ost Bereich Süd Bereich West

Stellvertretender Kommandeur Bataillon Elektronische Kampfführung 911 läuft mit behindertem Freund Halbmarathon im Tandem

Ob er denn eine pflegerische Ausbildung habe, wird Oberstleutnant Christoph Heusinger oft gefragt, wenn er seinen Kumpel Winni im St.-Konrad-Haus in Würzburg abholt. St. Konrad ist eine Wohnanlage für Menschen mit schwersten Mehrfachbehinderungen. Winni lebt dort seit vielen Jahren. Und Oberstleutnant Heusinger holt ihn regelmäßig zum Joggen ab. Neue Mitarbeiter im Haus, die ihn noch nicht kennen, machen meist erst mal große Augen, wenn sie hören, dass er Soldat ist.

Partner im Tandem-Lauf-Projekt

Als er Winni das jüngste Mal morgens abgeholt hat, setzte er ihm seine Sonnenbrille auf und zog sich selbst das schwarze Lauf-Shirt mit „Team Win-i“ auf dem Rücken an. Die beiden sind als Tandem beim 25. Würzburger Stadtmarathon angetreten. Startnummer 3764 - Christoph aus Flensburg und Winni aus Würzburg. 21,1 Kilometer in 2 Stunden und 34 Minuten. „Ich bin stolz auf uns beide“, sagt Heusinger. Die Zeit ist ihm egal. „Wir haben es beide geschafft.“ Der Oberstleutnant ist einen Halbmarathon quasi mit 60 Kilo Zusatzgepäck „vor dem Bug“ gelaufen. Und Winni hat durchgehalten. Zweieinhalb Stunden im ruckelnden Rollstuhl. Das ist nicht selbstverständlich.

Der 42-Jährige hat mehrere Spastiken in allen Gliedmaßen. Er wird über Sonden ernährt. Die einzigen geplanten Bewegungen kann er mit seinem rechten Arm machen, Abklatschen mit der Faust zum Beispiel. Er kann nicht sagen, was ihm fehlt oder was ihm Freude macht. Aber man sieht es in seinen Augen, wenn ihm etwas guttut. Und genau das war Heusingers Ziel, als er vor knapp vier Jahren mehrere Wohnanlagen für Behinderte anschrieb, um einen Partner für sein Tandem-Lauf-Projekt zu gewinnen.

Vorbild: Das amerikanische Vater-Sohn-Team Hoyt

Damals arbeitete Christoph Heusinger noch im Stab der 10. Panzerdivision in Veitshöchheim. „Ich hatte im Internet die Geschichte von den Hoyts gelesen“, erzählt er. Das mittlerweile berühmte amerikanische Vater-Sohn-Team schaffte es sogar bis zum Ironman-Triathlon. Die Geschichte der Hoyts begann 1977, als der von Geburt an gelähmte Rick seinen Dad bat, an einem 5-Meilen-Lauf für einen verunglückten Mitschüler teilzunehmen. Danach soll er über seinen Computer mitgeteilt haben: „Papa, wenn ich laufe, fühlt es sich an, als ob ich nicht behindert wäre.“

Winni kann das so nicht ausdrücken, er hat auch keinen Computer. Aber wer ihn kennt, weiß: Genauso muss es für ihn auch sein, wenn er mit seinem Kumpel Christoph unterwegs ist. Als Heusinger damals die Mail an das St. Konrad-Haus schickte, konnte sich das in der Wohnanlage zuerst niemand so recht vorstellen. „Aber kommen Sie doch mal vorbei“, hieß es dann. Und weiter: „Der Winni könnte den ganzen Tag über draußen sein, er freut sich einfach über frische Luft und Umgebungslärm.“ Für Heusinger passte das auf Anhieb. Von da an holte er Winni mindestens einmal pro Woche ab, auch bei Regen und Schnee. Manchmal geht es noch ins Café und Winni bekommt ein paar Löffel Cappuccino ab.

Training wirkt sich physisch und psychisch positiv aus

„Anfangs hatte ich schon ein bisschen Fracksausen“, erinnert sich der Offizier an ein Gefühl großer Verantwortung. Doch das wurde schnell überlagert: Nach einem Jahr beobachteten die Therapeuten im Wohnheim sogar physische Effekte des Lauftrainings: „Diese kleinen Erschütterungen sind gut für die Muskulatur“, erklärt Heusinger. „Das wirkte sich auch positiv auf Winnis gesamten Stoffwechsel aus.“ Noch wichtiger ist ihm aber, dass er seinem Kumpel im Rollstuhl das Gefühl gibt, „ganz normal“ zu sein.

Nach zwei, drei kleineren Volksläufen war der Würzburger Stadtmarathon die erste richtig große Lauf-Veranstaltung für Team „Win-i“. Da war Winni einer von über 6.000, mittendrin. Der Veranstalter hat den beiden das Startgeld von 75 Euro erlassen. Und einer der Mitläufer habe am Ende gesagt: „Ihr seid einfach die Coolsten heute!“ Immer wieder sprachen auch Zuschauer Winni an, sagten ihm, wie toll er das mache. „Mehrere Kinder haben gesagt: Mama, guck mal, da ist ja einer im Rollstuhl!“, sagt Heusinger. Das habe ihn so gefreut – „weil es einfach ganz normal war“. Auch wenn Winni nicht antworten konnte: Er habe das genossen. Seine Pfleger erzählen am Tag nach dem Marathon: „Der grinst heute die ganze Zeit nur vor sich hin.“

Bundeswehr-Sozialwerk plant eigene Veranstaltung

Vielleicht haben die beiden Lauf-Freunde bald die Möglichkeit, eine Art Trainingslager zu besuchen. Heusinger hat über das Bundeswehr-Sozialwerk erfahren, dass es weitere drei, vier Tandem seiner Art in Deutschland gibt.

Trainings in einer BwSW-eigenen Ferienanlage?

„Die haben uns angeboten, dass sie uns in ein Haus des BwSW einladen, gern auch mit anderen Teams“, sagt er. „Dazu müsste man aber erst mal voneinander wissen.“

Deswegen hat sich Christoph Heusinger entschieden, auch außerhalb seiner Familie zu erzählen, was ihn regelmäßig nach Würzburg zieht.

Selbst betroffen und interessiert?

Dann schicken Sie uns eine E-Mail mit dem Stichwort „Tandem-Lauf-Projekt BwSW“ an bwswpresse@bundeswehr.org.

Bei einer ausreichenden Anzahl Rückantworten wird das BwSW konkret weitere Planungen einer speziellen Veranstaltung unternehmen.

700 Kilometer entfernt und trotzdem verbunden

Winni heißt mit vollem Namen Winfried. Seinen Nachnamen kennt Heusinger nicht – und braucht er auch nicht. Wer siezt schon seinen Kumpel? Winfried hat keinen Vater mehr, und seine Mutter lebt mittlerweile im Seniorenheim. Ein gesetzlicher Betreuer besucht ihn einmal im Monat. Und Christoph kommt, so oft er kann. Seit gut einem Jahr ist Heusinger stellvertretender Kommandeur des EloKa-Bataillons 911 in Stadum bei Flensburg. Knapp 700 Kilometer entfernt von St. Konrad. „Das war das schlimmste Abschiednehmen“, erinnert er sich. „Allen anderen Freunden aus Würzburg konnte ich sagen: Kommt vorbei in Flensburg – ihm nicht.“ Jedes Mal, wenn er in Süddeutschland ist, fährt er zu seinem Lauf-Kumpel. „Der hat dann oberste Priorität.“ Und das habe Winni auch gemerkt. „Der hat irgendwann verstanden: Christoph ist nicht ganz weg, der kommt wieder.“

Als Winni im Dezember nach einer schweren Operation auf der Intensivstation lag, stand er an seinem Bett und berührte seine Hand. „Plötzlich tat sich da richtig was auf dem Monitor, der Puls ging hoch“, sagt Heusinger. „Da dachte ich: Der weiß ganz genau, wer hier ist, auch wenn er vollgepumpt ist mit Schmerzmitteln.“

Text: Simone Meyer und BwSW